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Industrielle Unabhängigkeit braucht bezahlbare Energie

von Anne-Marie Großmann

Die neue Legislaturperiode startet mit einem Versprechen: 500 Milliarden Euro für die Modernisierung Deutschlands. Straßen, Schienen, Bildung, Digitalisierung, Energie, Gesundheit. Dabei geht es um die Zukunft unseres Landes. Allerdings benötigt diese Zukunft auch ein radikales Umdenken und rasches Handeln auf anderen Politikfeldern, um die Deindustrialisierung unserer Wirtschaft und damit unseren Wohlstandsverlust zu stoppen.

Vor allem gilt: Die geplanten Milliarden-Investitionen werden sich wegen der perspektivisch massiv steigenden CO2-Preise nur dann lohnen, wenn die künftige Regierung vor allem auf Investitionen aus CO2-armen und klimaneutralen Werkstoffen setzt.

Ein gutes Beispiel bietet mit grünem Strom produzierter Elektrostahl als Baustoff für neue (Energie-)Infrastruktur oder Maschinen. Das vorhandene Kennzeichnungssystem LESS (Low Emission Steel Standard) bietet dafür die Grundlage. Vor allem aber sollte die Wertschöpfung für diese und andere Zukunftsinvestitionen in Deutschland und Europa bleiben. Denn: Ohne heimische Stahlproduktion wird Deutschland erpressbar – wirtschaftlich und geopolitisch.

Stahl ist systemrelevant – für Wohlstand, Sicherheit und Klimaschutz

Die Stahlindustrie ist das industrielle Rückgrat Deutschlands. Direkt hängen 80.000 gut bezahlte Jobs daran, indirekt über vier Millionen. Systemrelevante Branchen wie Maschinenbau, Automobil, Windkraft, Healthcare und Verteidigung sind jeden Tag auf Stahl angewiesen. Zugleich ist Elektrostahl bereits heute ein klimafreundlicher Vorreiter. Doch seine Zukunft hängt vor allem an einem wichtigen Faktor: dem Energiepreis.

Energiepreise entscheiden über unsere Zukunft

Die extrem hohen deutschen Stromkosten sind im internationalen Vergleich ein Standortnachteil und gefährden Transformation und Wohlstand. Wer CO2-neutrale Produktion fordert und Geld dafür bereitstellt, muss auch sicherstellen, dass sie bezahlbar bleibt. Andernfalls droht die weitere Verlagerung energieintensiver Branchen ins Ausland – mit fatalen Folgen für Beschäftigung und Klimaziele.

Deswegen haben wir vor allem drei Impulse für die neue Bundesregierung:

1. Günstigen grünen Strom für die Industrie

Erneuerbare Energien sind in der Erzeugung kostengünstig – aber ihr Preis kommt nicht bei der Industrie an. Stattdessen treiben CO2-Kosten, Netzentgelte und Steuern die Strompreise nach oben. Die energieintensive Produktion braucht aber einen Arbeitspreis von 4 bis 6 Cent pro kWh, um überlebensfähig zu bleiben. Deswegen meinen wir: Ein echter Industriestrompreis muss kommen – und zwar schnell. Die Vorschläge dafür liegen lange auf dem Tisch.

2. Netzentgelte für energieintensive Unternehmen senken

Die Transformation des Stromnetzes darf nicht einseitig durch Verbraucher und Industrie finanziert werden. Die Netzinfrastruktur ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge – und sollte entsprechend z.B. über den Brennstoffemissionshandel mitfinanziert oder bei stabilen regulatorischen Rahmenbedingungen durch private Kapitalgeber gehebelt werden. Die hohen Systemkosten durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien und den daraus folgenden Schwankungen können nicht allein die Stromverbraucher tragen. Die Netzentgelte müssen sinken.

3. Erdgasversorgung sicherstellen, solange Wasserstoff fehlt

Grüner Wasserstoff ist eine Perspektive für industrielle Verbraucher – aber bis 2035 kaum großflächig verfügbar. Bis dahin bleibt Erdgas in vielen Anwendungen alternativlos. Der Erdgaspreis inklusive CO2-Bepreisung darf 20 Euro pro MWh nicht übersteigen. Alles andere bedeutet Deindustrialisierung durch politische Untätigkeit. Die Bundesregierung muss dafür die Rahmenbedingungen schaffen und eine ausreichende Erdgasversorgung sicherstellen.

Jetzt ist die Zeit zu handeln.

Die nächsten Wahlen kommen schnell. Die neue Regierung wird dann nicht an Programmen und Papieren gemessen, sondern an raschen Entscheidungen und deren Umsetzung. Wer Technologieoffenheit fordert, muss auch industrielle Produktion ermöglichen. Wer Transformation will, muss wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen dafür schaffen. Denn nur mit bezahlbarer Energie und resilienter eigener Wertschöpfung – dazu gehört: eine starke heimische Stahlindustrie – bleibt Deutschland souverän, innovativ und zukunftsfähig.

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Autorin: Dr. Anne-Marie Großmann ist CDO und Mitgesellschafterin der GMH Gruppe.

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