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Warum wir eine Datengesellschaft werden müssen, um innovativ bleiben zu können und warum wir noch keine Datengesellschaft sind

von Uwe Cantner

Krise: Europa steckt in einer ökonomischen Krise, deren Ursache in grundlegenden Strukturproblemen und nicht bei Faktoren üblicher Rezessionen liegt. Dies hat auch der Draghi Report gezeigt. Die Industrien und Dienstleistungsbereiche, die Europa in den vergangenen Jahren hervorragend bespielt hat, kommen in die Jahre. Sie werden von radikal neuen Schlüsseltechnologien konkurrenziert und zunehmend in den Schatten gestellt. Und nachdem Deutschland sich über Jahre als der Primus in Europa geben konnte, tendiert es zunehmend in Richtung Schlusslicht. Die Umstellung auf die neuen Technologien, die erhebliche Richtungsänderungen bei Innovation, Produktion und Konsum mit sich bringen, fällt offensichtlich immens schwer. Die Problemlage ist vielschichtig. Draghi hat drei große Problemblöcke als die zentralen Baustellen herausgearbeitet, an denen auf eine Richtungsänderung hingearbeitet werden kann und muss: Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Souveränität. Unter diesen dreien ist die Digitalisierung zentral. Ohne sie können die Nachhaltigkeitstransformationen nicht gelingen. Zudem steht die Digitalisierung im Mittelpunkt des vielschichtigen Problems der Souveränität, die insbesondere mit der Sorge um die digitale Souveränität verbunden ist.

Rückstand: Digitalisierung bedeutet die Verwendung von Daten und algorithmischen Systemen für neue oder verbesserte Prozesse, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Und damit sind wir schon in der Datenwelt mit Daten als Rohstoff für alles Mögliche an Neuem und damit für Wohlstand. Wer im internationalen Wettbewerb bestehen möchte, wer das Geschehen in der Datenwelt und den daraus ableitbaren Problemlösungen mitgestalten möchte, der muss sich auf diese Datenwelt auch einlassen. Und da gibt es im internationalen Vergleich – zum Teil erhebliche – Unterschiede, was Ausbaustand und Ausbaudynamik anbelangt. Deutschland ist hier nicht besonders gut aufgestellt und die verschiedenen Digitalisierungsindizes zeigen Deutschland im Bereich des europäischen Mittels – bei der Konnektivität etwas besser, beim Humankapital, bei der Integration der Digitaltechnik und bei der digitalen öffentlichen Verwaltung durchaus schlechter.

Schlüsseltechnologien: Bei den digitalen Technologien handelt es sich um sogenannte Schlüsseltechnologien. Diese zeichnen sich durch ein hohes eigenes Potenzial für innovative Weiterentwicklungen aus und zudem eröffnet ihr Einsatz Innovationspotenziale in einer Vielzahl von anderen Bereichen. Die künstliche Intelligenz (KI) ist ein gutes Beispiel dafür: Für sie selbst bestehen hohe Weiterentwicklungspotenziale. Gleichzeitig ermöglicht ihr Einsatz in Forschung, Industrie und im Dienstleistungssektor neue Vorgehensweisen sowie die Bearbeitung völlig neuer Fragestellungen. Dadurch eröffnen sich bisher ungeahnte Forschungs- und dann auch Innovationspotenziale. In Produktion und Leistungserstellung schafft KI weitreichende Potenziale für neue Produkte und Prozesse.

Problemlagen: Drei zentrale Problembereiche sind es wohl, die verhindern oder verzögern, dass Deutschland den Weg in eine potenzialstarke Datengesellschaft findet, (i) fehlende oder verlorene Frontierpositionen bei digitalen Schlüsseltechnologien, (ii) nicht ausreichend entwickelte digitale Kompetenzen und Fertigkeiten, sowie (iii) unzureichend ausgebaute digitale Infrastrukturen.

Fehlende/verlorene Frontierpositionen bei digitalen Schlüsseltechnologien: In digitalen Technologien wie der Robotik, der KI oder auch bei den autonomen Systemen hat Deutschland mittlerweile eine Technologieführerschaft oder „Technologiemitführerschaft“ verspielt –  am Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts beim Wechsel von der Industrie- zur Service-Robotik, Mitte der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts beim Wechsel von der symbolischen KI zur neuronalen KI und erst vor Kurzem beim Wechsel von den automatisierten zu den rein autonomen Systemen. In anderen Bereichen hat Deutschland den Anschluss an die Weltspitze nach und nach verloren, hier ist das Thema Halbleiter hervorzuheben. Für dieses Zurückfallen stellen wir fest, dass es sowohl für den wissenschaftlichen Bereich gilt (bemessen an der Entwicklung der zum Thema passenden Publikationstätigkeit) wie auch für den Bereich der ökonomischen Nutzung (gemessen anhand der Entwicklung der Patentaktivitäten). Deutschlands Rückstände werden größer und die Gefahr zunehmender technologischer oder digitaler Abhängigkeit besteht. USA, China, aber auch Südkorea und Japan u.a.m. sind auf diesen Feldern weitaus besser aufgestellt und zeigen vor allem eine höhere Dynamik. Hierauf hat die EFI in den vergangenen Jahren regelmäßig hingewiesen.

In jüngeren Technologien, wie den Quantentechnologien, sieht es noch besser aus und hier ist darauf zu achten, dass Deutschland nicht wieder in Rückstand gerät. Um in den angesprochenen Technologien zu reüssieren und mitzuhalten fehlt es den etablierten deutschen Unternehmen an Größe und damit finanzieller Schlagkraft wie sie bei den Hyperunternehmen der USA und Chinas vorhanden ist. Den Start-ups fehlt es an Wagniskapital. Zudem mangelt es unter anderem an geeigneten Rahmenbedingungen für die Nutzung großer Datenvolumina und an Rechenkapazitäten.

Zentrale Handlungsempfehlungen zur Erlangung internationaler Frontierpositionen:

  • Innovationsökosysteme fördern: In ausgewählten Technologien sollten Aufholprozesse von staatlicher Seite unterstützt werden. Dazu sollten keine europäischen Champions aufgebaut, sondern Innovationsökosystemen als Pendants zu den Hyperscalern/US-Technologieriesen gefördert werden. Mit diesen Ökosystemen können technologische Nischen besetzt werden. Parallel dazu müssen private Investitionen durch verbesserte Rahmenbedingungen für Wagnis- und Wachstumsfinanzierung angekurbelt werden.

  • Wettbewerbsförderliche Rahmenbedingungen schaffen: Die Rahmenbedingungen für die Datennutzung und Datenübertragung müssen verschlankt und deutlich weniger restriktiv gestaltet werden, am besten auf europäischer Ebene. Der Aufbau von Rechenkapazitäten ist proaktiv bspw. durch Öffentlich-private Partnerschaften zu unterstützen.

  • Position eines Chief-Technology Officer einrichten: Um technologische Entwicklungssprünge – insbesondere bei digitalen Schlüsseltechnologien – frühzeitig zu erkennen, sollte ein Chief Scientist oder ein Chief Technology Officer dem Bundeskanzler zur Seite gestellt werden. Der Chief Technology Officer wird durch eine Foresight-Unit unterstützt.

Nicht ausreichend entwickelte digitale Kompetenzen und Fertigkeiten: Die Generierung, aber auch die Anwendung digitaler Technologien erfordert passende Kompetenzen und Fertigkeiten. Diese sind in der Breite der Gesellschaft nicht in ausreichender Qualität verfügbar. Letzteres behindert die Diffusion und Anwendung digitaler (Schlüssel-)Technologien, sei es beim Einsatz von KI in der Industrie und Verwaltung, sei es bei der Nutzung von digitalen Präzisionstechnologien in der Landwirtschaft oder von digitalen Unterstützungssystemen im Alter. Auf diesen Mangel weist die EFI bereits seit Jahren hin und hat eine Reihe von Maßnahmen vor allem zu Weiterbildung und Umschulung vorgeschlagen.

Zentrale Handlungsempfehlungen zum Aufbau digitaler Kompetenzen und Fertigkeiten:

  • Digitale Bildung in Schulen verankern: Digitale Bildung setzt an deutschen Schulen zu spät ein. Digitale Schlüsselkompetenzen sollten daher bereits in der Grundschule flächendeckend vermittelt werden. Digitale Inhalte müssen bewusst in den Schulunterricht eingebaut und ein Curriculum mit expliziten Digitalinhalten entwickelt und umsetzt werden.  – Die skandinavischen Erfahrungen sind dabei zu berücksichtigen.

  • Reform der Hochschulbildung vorantreiben: An den Hochschulen sollten Data-Science Inhalte, KI-Inhalte Studiengang-übergreifend in alle Curricula integriert werden –und zwar als Pflichtmodule. Amerikanische Universitäten machen seit Jahren vor, wie dies in der Praxis aussehen kann. Programmierung und Simulationskenntnisse sollten ebenfalls standardmäßig in die Curricula vieler Studiengänge integriert werden.

  • Weiterbildung auf dem Stand halten: Weiterbildung und Umschulungen müssen berufsadäquat neueste digitale Erkenntnisse vermitteln und entsprechende Kompetenzen antrainieren und aufbauen.

Unzureichend ausgebaute digitale Infrastruktur: Weiterentwicklungen in der Datengesellschaft sind nur denkbar, wenn entsprechende digitale Infrastrukturen in ausreichendem Maß und auf hohem Qualitätsniveau verfügbar sind. Hierzu zählen eine flächendeckende Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen, so dass digitales Arbeiten, digitale Geschäftsmodelle, etc. deutschlandweit auf stabilem und hohem Niveau gewährleistet werden. Hohe Rechenkapazitäten sind vorzuhalten, für komplexe und rechenintensive Anwendungen, um die Potentiale insbesondere der künstlichen Intelligenz auch voll ausschöpfen zu können. Ein hoher Digitalisierungsgrad der öffentlichen Verwaltung (E-Government) muss dafür sorgen, dass viele zeitintensive Arbeiten wie die Einholung von Genehmigungen, die Antragstellung, das Reporting usw. zeit- und kosteneffizient erledigt werden können. Auf Defizite in diesen Bereichen hat die EFI regelmäßig aufmerksam gemacht.

Darüber hinaus werden in den kommenden Jahren umfangreiche Investitionen in die digitale Verkehrsinfrastruktur notwendig sein: digitale Steuerungssysteme für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr müssen ebenso aufgebaut werden, wie Systeme zur Nutzung von Straßen durch autonome Fahrzeuge. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es nicht ausreicht, diese Systeme aufzubauen; sie müssen zudem laufend an den Stand der Technik angepasst werden.

Die genannten Infrastrukturen weisen zu einem guten Teil den Charakter eines öffentlichen Gutes auf, so dass dem Staat die Pflicht zufällt, hier Vorsorge zu treffen. Insgesamt sind Aufbau und Weiterentwicklungen der digitalen Infrastrukturen strategisch zu begleiten und operativ nach einem Masterplan umzusetzen.

Zentrale Handlungsempfehlungen zum Ausbau leistungsfähiger und leistungsförderlicher digitaler Infrastrukturen:

  • Digitalministerium: Deutschland braucht ein Digitalministerium, dass seinem Namen auch gerecht wird. Das Digitalministerium nimmt eine zentrale Entscheidungs- und Koordinierungsfunktion wahr, die um dezentrale Strukturelemente ergänzt wird. Das heißt, das Ministerium als zentrale Schaltstelle steht mit den für die Digitalisierung zuständigen Abteilungen bzw. Referaten in den übrigen Ministerien sowie den Bundesbehörden und auch den Landesregierungen in engem Austausch.

  • Europäische Standards: Datennutzungsregelungen, Standards für Datenstrukturen, Datenübertragung und Interoperabilität der Systeme müssen gemeinsam mit den europäischen Partnern weiterentwickelt werden.

  • Katalytische Subventionen und Co-Finanzierungen: Der Ausbau der Dateninfrastrukturen bedarf weiterhin staatlicher Unterstützung. Gleiches gilt für den Ausbau von Rechenkapazitäten. Idealerweise sollten die erforderlichen Investitionen in großem Umfang über Öffentlich-private Partnerschaften getätigt werden. Ausgewählte Infrastrukturen können nach gewisser Zeit auch in private Hände überführt werden.

In letzter Konsequenz können alle und jede dieser Maßnahmen helfen, Unsicherheiten aus der digitalen Transformation herauszunehmen bzw. sie in beherrschbare Risiken zu wandeln. Dies wäre einer der erfolgversprechendsten Hebel, um privatwirtschaftliche Investitionen in Digitalprojekte in großer Breite anzureizen.

Prof. Dr. Uwe Cantner ist Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung sowie Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sein Forschungsschwerpunkt liegt unter anderem auf der Forschungs- und Innovationspolitik.

Das Table.Forum Datengesellschaft begleitet die entscheidenden Fragen an der Schnittstelle von Digitalisierung, Datenschutz und gesellschaftlichem Wandel. Wie kann eine zukunftsfähige Datengesellschaft gelingen? o Renommierte Stimmen aus Wissenschaft, Politik und Praxis diskutieren, wie Deutschland und Europa die digitale Transformation gestalten können – souverän, fair und innovationsfreundlich. 

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Autor: Prof. Dr. Uwe Cantner ist Vorsitzender Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.


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