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Der Weg in die Datengesellschaft: Die Rolle der Industrie

von Sicco Lehmann-Brauns

Die industrielle Revolution der Daten

Die Industrie erwirtschaftet 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland. Sie spielt also eine zentrale Rolle bei der Gestaltung unserer Zukunft. Umso wichtiger ist es, dass sie bereit ist für eine Welt, die zunehmend von Daten dominiert wird.

In der Datengesellschaft werden Daten umfangreich erfasst und genutzt, Menschen treffen Entscheidungen auf Datenbasis und Produkte und Lösungen sind immer stärker individualisiert. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht von der „Gesellschaft der Singularitäten“. Die Industrie baut die „Infrastruktur“ für die Datengesellschaft von morgen, die Fabriken, Gebäude, Energie- und Mobilitätssysteme.

Besonderes Potential kommt dabei den Daten aus dieser Infrastruktur, aus dem Industrial Internet of Things (IIoT), zu: Aktuell gibt es rund 15 Milliarden solcher Geräte, doppelt so viele, wie Menschen auf diesem Planeten. Und bis 2030 wird diese Zahl voraussichtlich auf mindestens 30 Milliarden ansteigen. Diese Daten bieten enormes Potential, um Wirtschaft und Gesellschaft wettbewerbsfähiger und nachhaltiger zu machen.

Digitale Zwillinge für Nachhaltigkeit und Individualisierung

Die Verarbeitung dieser Daten ermöglicht die Erstellung „Digitaler Zwillinge“, die die physische Realität im virtuellen Raum duplizieren. Mit einem 3-D-Echtzeitmodell eines Fußballfeldes kann ein Trainer sein Team besser analysieren, bewerten und das Training entsprechend anpassen. Dies gilt auch in der Industrie: Die Digitalen Zwillinge industrieller Gegenstände können fotorealistisch abgebildet werden. Die Welt der Digitalen Zwillinge wird dann erfahrbar im „Industriellen Metaverse“. Dies ermöglicht individualisierte Lösungen, neue Formen der virtuellen Zusammenarbeit und der Ressourcenschonung auf allen Stufen der Wertschöpfungskette – von der Design- und Prototypenphase über die Produktion bis hin zur End-of-Life-Phase und einer zirkulären Wirtschaft.

Ein Beispiel für diese Transformation ist die Entwicklung ganzer Stadtquartiere, wie der Siemensstadt Square in Berlin.

Dieses Stadtviertel entsteht auf Basis eines Digitalen Zwillings, der unterschiedliche Szenarien simuliert und Prozesse in der virtuellen Welt optimiert – bevor überhaupt ein Fundament in der realen Welt gegossen wird. Dazu kombiniert er zum Beispiel Gebäude- und Energiedaten. Die Siemensstadt Square wird so CO2-neutral, energieeffizient und barrierefrei sein.

Ein anderes Beispiel ist die virtuelle Planung von komplexen Fabriken für die Batteriezellfertigung auf Basis Digitaler Zwillinge. Sie steigert die Effizienz in der Bau- und Betriebsphase erheblich und reduziert den Ressourcenverbrauch deutlich.

Digitale Zwillinge in der Industrie schaffen nicht zuletzt neue Datenarten mit neuartigen/vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten: synthetische Daten, die rein virtuellen Ursprungs sind. Sie können wertvolle Trainingsdaten darstellen, die ohne Materialverbrauch und Abnutzungseffekte entstehen und auch keinen realen Personenbezug aufweisen.

Voraussetzungen für den Erfolg

Daten gibt es in der Industrie nicht umsonst, sie setzen stets Investitionen voraus. Und das gilt insbesondere für Daten aus vernetzten Geräten. Diese sind mit Sensorik und hohen Security-Standards ausgestattet und müssen zudem integriert und ausgewertet werden. Damit der Übergang in die Datengesellschaft gelingt, benötigt die Industrie daher vor allem Investitionsspielräume für Datengenerierung und Nutzung.

Darüber hinaus sind Konnektivität, Interoperabilität sowie eine Balance aus Regulatorik und Innovationsoffenheit entscheidend. Der Großteil der industriellen Geräte ist noch nicht vernetzt, und ein wesentlicher Teil der industriellen Daten wird aufgrund mangelnder Interoperabilität nicht genutzt. Die Industrie benötigt dringend Fortschritte bei der Standardisierung und künftig auch die Nutzung generativer Künstlicher Intelligenz als Übersetzer zwischen verschiedenen Datensprachen.

Industrielle Datenwirtschaft als Wohlstandsmotor

Die Nutzung von Daten in der Industrie schafft die Basis für den Wohlstand von morgen. Und für den Erhalt gut bezahlter Arbeitsplätze, die zu gesellschaftlicher Stabilität beitragen.

Die Industrie ist hier auf sehr gutem Weg. Alle aktuellen Umfragen zeigen, dass sich immer mehr Unternehmen auf den Weg in die Datenökonomie machen. In zwei Jahren will mehr als die Hälfte datengetriebene Geschäftsmodelle einsetzen (bitkom 2024).

Für einen echten Mehrwert aus der Datennutzung braucht es jedoch das industrielle Wissen über die Funktion der Geräte und ihres Umfeldes. Und es braucht offene Ökosysteme, um den Mehrwert zu heben und Kompetenzen bündeln zu können.

Neue Freiheit für Daten im europäischen Binnenmarkt

Enrico Letta hat gerade in seinem Bericht über die Zukunft des europäischen Binnenmarktes vorgeschlagen, eine „fünfte Freiheit“ für Innovationen und Daten einzuführen. Auf die Umsetzung dieser „fünften Freiheit“ sollte die nächste Datenstrategie der Europäischen Kommission zielen.

Das Thema industrielle Digitalpolitik ist kein Expertenthema mehr – sondern muss Chefsache sein. Sowohl für Unternehmer als auch für Politiker. Denn nur durch die Nutzung industrieller Daten werden hochwertige Arbeitsplätze erhalten, gesellschaftliche Herausforderungen gelöst und ökologische Ziele erreicht.

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Autor: Dr. Sicco Lehmann-Brauns ist Senior Director Innovation Policy bei der Siemens AG. Außerdem ist er Co-Vorsitzender des BDI-Arbeitskreises "Datenökonomie" und Mitglied der Expertengruppe des Zukunftsrates der deutschen Bundesregierung. Er studierte Wissenschaftsphilosophie.

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